Dieser Beitrag gehört zur Kategorie ‘Leser*innenbriefe’. Für sämtliche enthaltene Aussagen, Meinungsäußerungen und Formulierungen zeichnet sich die verfassende Person verantwortlich.

Hallo Lennart,

seit unserem Gespräch bei meinen Eltern ist einige Zeit vergangen.

Ich habe lange versucht, mit meiner körperlichen Ausgangssituation psychisch abzuschließen, um mir einen Operations-Marathon zu ersparen. Sicherlich hätte ich damit viel Aufwand umgehen können, aber mir ist meine eigene emotionale Gesundheit wichtiger, als ein paar Narben und gesundheitliche Einschränkungen. Letztendlich habe ich also gemerkt, dass ich Teile meines Körpers in seinem jetzigen Zustand nur schwer ertragen und mich so nicht akzeptieren kann.

Ich habe ein Master-Studium in einer neuen Stadt aufgenommen, um Zeit dafür zu haben, alle Operationsschritte für den Penoidaufbau zu gehen, die mir möglich sind. Ich hatte vor, immer ein Semester zu studieren und in der vorlesungsfreien Zeit eine Operation zu machen. Bis zur Zeit der Corona-Krise habe ich mit dieser Strategie bereits die Hysterektomie und den Klitpen, zusammen mit der Kolpektomie hinter mich gebracht.

Gleichzeitig ein Vollzeit-Studium und einen Haushalt zu managen war teils sehr stressig, aber für mich die finanziell einzige Möglichkeit. Ich habe mich deshalb konsequent unter Druck gesetzt, alles unter einen Hut zu bekommen. Seit ich alle Vorlesungen abgeschlossen habe und bei meinen Eltern bin, geht es mir besser, aber ich merke, dass mich mein trans-bedingter emotionaler Zustand immer wieder davon abhält, ein für mich ‚normales Leben‘ zu führen. Auch die Tatsache, dass dazu gehört, monatelange jede Woche zu einem anderen Facharzt gehen, um alle hormon- und operationsrelevanten Behandlungen zu bekommen, bedrückt mich. Ich verbringe viel Zeit in Wartezimmern oder damit, Arzthelferinnen meine Situation zu erklären, was mich jedes Mal aufwühlt.

Meine Familie ist zurzeit, aufgrund meiner emotionalen Lage, die wichtigste Konstante in meinem Leben. Ich fühle mich hier aufgehoben. Sie hat mir sehr geholfen, meine Angst vor den Schmerzen des größten Schritts zu verringern. Aber als die für mich wichtigste Operation – der Penoidaufbau – aufgrund der Corona-Krise verschoben wurde, war das ein großer Schock und Verlust für mich. Meiner Einschätzung nach fiel ich als Reaktion darauf in eine mittelschwere depressive Phase.

In dieser Phase musste ich kämpfen, um aufzustehen oder auch um eine einfache Antwort auf eine Frage zu geben. Es war erschreckend, ich habe mich selbst nicht mehr wiedererkannt.

Dann kam ein Ersatztermin, immer noch am Anfang der Corona-Phase. Gleichzeitig aber auch der Beschluss des Bundes, nur noch einen bestimmten Prozentsatz der Intensivbetten für Covid-19-Patient_innen freizuhalten. Das bedeutete eine reale Hoffnung für mich, dass dieser Termin tatsächlich stattfindet. Die depressive Phase ist dadurch vollständig abgeklungen.

Ich habe es geschafft, mir einen Teilzeit-Job in meinem Berufsfeld zu besorgen. Eigentlich hatte ich fest damit gerechnet, nicht genommen zu werden, wenn ich von einem Ausfall aufgrund einer Operation erzähle. Aber sie wollten mich trotzdem und seitdem geht es mir blendend. Falls dieser Termin wieder ausfällt, habe ich immerhin immernoch einen Job und damit eine sinnvolle Beschäftigung.

Aus dieser ganzen Entwicklung habe ich mitgenommen, dass ich mich auf meine Familie fest verlassen kann und deshalb bin ich bei ihr geblieben. Meine Wohnung steht leer, die Miete kann ich ja jetzt auch weiter bezahlen. Wir werden sehen, wie mein Plan weitergeht, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich es schaffe.

Dein Leon*



*Name auf Wunsch geändert

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