Früher bin ich viel ehrenamtlicher Arbeit nachgegangen. Ich war gut in der Schule und hatte Preise gewonnen. Das ist ein Teil meines Lebens, meine Vergangenheit, die ich nun ausblende. Auf jeder Urkunde, jeder Medaille und jedem Artikel steht der alte Name. Das Abiturzeugnis kann man sich neu ausstellen lassen, alles andere nicht. Das ist einfach weg.

 

 

 

 

Der Glaube ist ein Ankerpunkt für mich. Er ist die Lebensphilosophie, dass man stets versucht nach den christlichen Maßstäben ein guter Mensch zu sein und das Leben als Dienst an anderen zu betrachten.

 

 

 

 

 

Letztes Jahr habe ich meinen kompletten Kleiderschrankinhalt entsorgt. Immer wenn eine neue Jahreszeit anbricht, muss ich mir nun neue passende Kleidung kaufen.

 

 

 

 

 

Viele legen ihre Skepsis ab, wenn sie merken, dass man auch nur ein normaler Mensch ist. Andere halten einen jedoch für die besondere Ausnahme und sind weiterhin argwöhnisch.

 

 

 

 

 

Geschlecht ist ein Gefühl, es ist ein Stück Identität. Manchmal ist es lose an Verhaltensweisen geknüpft, aber nie zu starr.

 

 

 

TOBIAS*

– 05/06/2018 –



Allgemeiner Hinweis: Dieser Text wurde für die Onlineveröffentlichung auf Wunsch nachträglich angepasst; eine inhaltliche Veränderung von getroffenen Aussagen wurde nicht vorgenommen. Einzelne Passagen sowie Angaben zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen wurden geschwärzt.


Früh bemerkte ich, dass ich bei den Jungs besser aufgehoben wäre. Ich wollte mit ihnen Fußball spielen, aber ‚Mädchen dürfen kein Fußball spielen‘. Immer wenn ich doch als Junge angesprochen wurde, habe ich das mega gefeiert.

Mit 15 Jahren hatte ich schon einmal probiert mit meiner Mutter darüber zu reden. Sie meinte allerdings, dass es sich nur um eine Phase handle, ich das gar nicht wirklich will und ich dann auch schwul wäre. _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Da dachte ich mir, dass ich das nicht bringen kann, dass es nicht funktioniere und stellte es in die Ecke.

Später auf einem Konzert merkte ich, dass ich mich vor Lebensentscheidungen nicht drücken und nur authentisch leben kann, wenn ich mich oute. Eine andere Situation war in einem Seminar im November, in der wir über die angemessene Kleidung für Lehrer diskutierten. Es äußerten sich drei Jungs, dann fragte mich der Dozent, was ich denn als Frau dazu sagen würde. Ich hätte in die Ecke kotzen können, es hat mich sehr aufgewühlt und ich fühlte mich angegriffen. Danach stellte ich mir die Frage, warum es so extrem für mich war.

Im Februar 2018, ich war gerade in einem Praktikum an einer Schule und hatte nachmittags immer sehr viel Zeit, informierte ich mich, was heutzutage alles möglich ist. Ich outete mich bei meinem besten Freund, bei meinen Eltern dann drei Monate später.

Ich bin einigermaßen ökumenisch aufgewachsen, war in einem evangelischen Kindergarten und später auf einer katholischen Schule. Wir waren viel in der Kirche und musizieren dort auch heute noch.

Über christliche Musik läuft der größte Teil meiner Glaubenspraxis.

Das lustige an meinen Eltern ist, dass sie eigentlich ein sehr offenes Weltbild haben, aber sich gefühlsmäßig in einem stark bürgerlichen Feld bewegen. Ihnen ist es wichtig, was andere Leute über sie denken und dass sie nach außen ein repräsentatives Bild vermitteln.

Insofern war das für meine Mutter ein Schock, sie ist drei Tage lang nicht aus dem Haus gegangen. Mir war klar, dass meine Mutter darauf sehr verunsichert reagieren würde und ich hatte das Gefühl, sie beschützen zu müssen, ihr das nicht zumuten zu dürfen _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _. Inzwischen hat es sich gebessert, auch wenn sie sagt, dass es nicht ihre Aufgabe sei, mich bei anderen zu outen und ich vermute, dass wenn sie in der Stadt Leuten von früher begegnet, immer noch mit meinem alten Namen über mich spricht.

Mein Vater reagierte entspannter, aber bekommt immer die Krise bei Gesprächen über Operationen, vermutlich aus Angst, dass mir dabei etwas passieren könnte. Anfangs hat er sich auch den Kopf gemacht, dass ich von irgendwelchen Leuten gemobbt werden könnte. Dabei wurde ich ungefähr 18 Jahre meines Lebens gemobbt, gerade in der Schule, _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _.

Ich wünsche mir von meiner Familie, dass sie sich mir gegenüber loyal verhält, hinter mir steht und mich nicht alleine kämpfen lässt. Leider sagen sie dann, dass die Leute komische Fragen stellen würden und hier jeder jeden kennt und es wenig Privatsphäre gäbe und sie es deswegen vermeiden wollen, darüber zu reden.

Am 17. Februar fing ich dann mit der Hormontherapie an, seitdem hat der Haarwuchs im Gesicht und an den Beinen zugenommen und ich stecke mitten im Stimmbruch, was nervig ist. Meine Stimme bricht immer wieder nach oben aus, was mir das Singen erschwert. Wenn ich eine Messe in der Kirche begleiten muss, spiele ich Gitarre und singe die Melodie mit, an der sich die Leute orientieren sollen. Mittlerweile kann ich zumindest in der richtigen Oktave singen, vorher lag ich zwischen Frauen- und Männerstimmlage und wenn ich die Lieder gut singen konnte, konnte niemand anderes das mehr.

Es ist ein großes Problem, immer jünger geschätzt zu werden, denn dann muss ich immer den Ausweis vorzeigen. Noch habe ich den alten und lege immer den Ergänzungsausweis mit vor, mit dem sehr viele Menschen nichts anzufangen wissen. Den Antrag für die Namens- und Personenstandsänderung habe ich Anfang März eingereicht, jetzt wurden die Gutachter beauftragt.

Eine veränderte Körperfettverteilung spüre ich insofern, dass ich einen Bauch bekomme. Mein Körper ist halt da. Es ist mein Körper, er wird es auch immer bleiben, selbst wenn ich ihn modifiziere. Aus meiner Perspektive ist das eine Art notwendige Schönheitskorrektur. _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Mit meinen 1,60m bin ich auch recht klein und mein Idealbild wäre etwas größer.

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Ich bin ein ziemlich binärer Mann und kann mich nicht in dieses Zwischensein hineinversetzen, versuche es mir aber so zu erklären, dass es intersexuelle Menschen gibt, die körperlich nicht in unserem binären Weltbild vorkommen, wieso sollte es also nicht auch Menschen mit einer Identität dazwischen geben?

Ein Mann zu sein hat viel mit einem stereotypen Körperbild zu tun.

Wenn man gesellschaftlich als das Geschlecht gelesen werden möchte, was man empfindet, ist man darauf angewiesen, den typischen Bildern zu entsprechen. Wenn ich mir die Brust nicht abbinde, werde ich eher nicht als Mann gelesen. Momentan ist es so, dass Menschen, die mich duzen, denken ich sei ein 13-jähriger Junge, und Leute die mich siezen denken, ich sei eine erwachsene Frau.

Stereotypen haben was mit einer pragmatischen Lebenssichtweise zu tun. Klar, es ist immer schwierig zu sagen, so denken Männer und so denken Frauen und nicht jeder passt da richtig rein, aber für mich ist es eine Skala mit zwei Enden. Beispielsweise sind Männer im Umgang miteinander viel gönnerhafter und verzeihen eher. Frauen schieben es sofort auf den Charakter, wenn du etwas Komisches machst, weil du einen schlechten Tag hast. Bei mir selber merke ich Eigenschaften und Verhaltensweisen, die mir anerzogen wurden, die Frauen zugeordnet werden.

Klischees gibt es auch bei trans Männern. Uns wird nachgesagt, wir seien eine fortgesetzte Butchlesbe oder ein ausgeprägter Tomboy. Meistens ist man selber sauer auf die Leute und muss sich klar machen, dass es nicht an ihrer Art und Weise liegt, sondern an der Gesellschaft. Aber man probiert auch einen Schuldigen zu finden.

Wenn man sich als trans outet, wird in der Regel spätestens nach zwei Minuten die Frage gestellt, auf wen man denn stehe. Rund um mein Abi war ich zweieinhalb Jahre in einer Beziehung mit einem Mann, dessen Familie ein altes Rollenbild der Frau als Hausfrau und Mutter pflegte. _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ Ich probierte, mich diesem alten Rollenbild anzupassen, letztlich trennte er sich aber, weil er mehr das Gefühl hatte, dass er zu seinem Kumpel als zu seiner Freundin fährt, wenn er mich besuchte.

Vor meinem Outing datete ich einen Freund und es war kurz davor, in eine Beziehung zu münden. Da wurde mir klar, dass, wenn ich wieder in so eine Heterobeziehung gehe, ich wieder in der Rolle Frau gefangen bin. Das konnte ich uns beiden nicht antun. Er hatte sehr entspannt reagiert und wir sind auch heute noch gut befreundet. An seiner Stelle wäre ich wohl ausgeflippt und hätte nachvollziehen können, wenn er es als Vortäuschen empfunden hätte.

Im August letzten Jahres habe ich mich in der Gemeinde geoutet. Damals wohnte ich auch noch in einer katholischen Frauen-WG. Dort bin ich dann ausgezogen. Die katholische Kirche ist gegen uns, aber wenn man es nicht an die große Glocke hängt, geht’s.

Es gibt ein Schreiben, das sich damit befasst, ob trans Männer Priester werden dürfen – das dürfen sie nicht. Oder ob sie einem Orden beitreten dürfen – auch das dürfen sie nicht. Um kirchlich heiraten zu können benötigt man eine Taufurkunde, die läuft aber auf den alten Geschlechtseintrag und man hat kein Recht darauf, dass diese geändert wird. _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _

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Für mich funktioniert es, weil nicht alle Gemeinden gleich sind. In meiner aktuellen Gemeinde ist es zum Glück kein Problem, aber die Angst bleibt, ausgeschlossen zu werden. In meiner Heimatgemeinde können die Leute nicht richtig mit der Thematik umgehen. Manche Personen reden seit meinem Outing nicht mehr mit mir.

Ich war mein ganzes Leben dort und jetzt kann ich mich dort nicht mehr frei bewegen. Wenn du trans bist, ist der normale kirchliche Weg erst mal zu Ende. Alles, was ich mir vorgestellt habe, wie mein Leben in der Kirche verläuft, ist nicht mehr möglich.

Im Universitätsumfeld komme ich um das Thema Diversität kaum herum. Wochenlang wurde in einem meiner Kurse darüber gesprochen. Trans-Sein wird aus einer wissenschaftlichen Perspektive behandelt, aber wenn man dann selber betroffen ist, fühlt es sich an als würde man über Außerirdische reden.

Es gab es auch schon die Situation, dass jemand die Frage gestellt hat, wer denn um Neunzehnhundert in diesem Seminar gewesen wäre. Wenn dann die Antwort ‚vier‘ kommt, weil Frauen damals nicht studieren durften, kann man sich umgucken und überlegen, wer wohl als Mann gelesen wurde, um dann herauszufinden, dass man nicht dazu gehört.

Mittlerweile werde ich nicht mehr so krass als Frau angesprochen.

Es kommt aber immer noch vor. Letzte Woche kam beim Türsteher am Klub verunsichert die Frage „Mädchen oder Junge?“ auf. Das ist sehr unangenehm, Menschen drumherum bekommen es mit und man möchte die Frage nicht beantworten. _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ __ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ __ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ __ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _

Ich erwarte nicht, dass jeder sofort alles richtig macht. Man darf gerne erstaunt sein, viele kennen keine trans Menschen. Es wäre hilfreich, wenn man fragen würden, welches Pronomen verwendet werden soll und wenn man dann auch damit klarkommt.

 

 

*Name auf Wunsch geändert

 

Niederlande, August 2001