Immer wenn mir andere von ihrer Schwangerschaft erzählten, war ich persönlich sehr getroffen. Ich wusste, dass ich diesen Zustand nie erreichen werde. Es hat mir verdeutlicht, dass ich anders bin, als ich sein will. Schwangerschaft war für mich immer ein rotes Tuch, auch wenn ich es ihnen gegönnt habe. Während sie mir freudestrahlend davon erzählten, bin ich innerlich zerbrochen.

 

 

Meine Kinder nennen mich meistens Nina, aber auch weiterhin Papa. Wenn ich die Liebe zu meinen Kindern nach außen lebe und zeige, kann ich mir nicht vorstellen, dass es jemand schaffen könnte, sich dagegen aufzulehnen.

 

 

 

Für jeden Schritt ließ ich mir ausreichend Zeit, ich bin keinen alleine gegangen und habe nie einen alleine beschlossen, sondern immer mit meiner Frau vorher besprochen.

 

 

 

In einer modernen Gesellschaft sind alle Menschen gleichberechtigt und -gestellt, ganz egal ob jemand eine Behinderung hat, einen Migrationshintergrund oder trans ist. Man sollte durch Begriffe nicht trennen.

 

 

 

Wenn jemand sagt, dass es gegen Gottes Wille sei, entgegne ich, dass mein Gott mich nach seinem Ebenbild schuf und eine Aufgabe für mich hat und sein Gott sagte, liebe deinen Nächsten.

 

 

 

Tagtäglich musste ich meine Körpersprache, Haltung und mein Inneres verstecken. Mich den ganzen Tag selbst belügen und mich verstellen, um anderen zu gefallen und nicht anzuecken. Das hat mich belastet und fast umgebracht.

 

 

NINA

– 10/05/2018 –



Ursprünglich komme ich aus Österreich, wohne aber mit meiner Frau und unseren Kindern in Deutschland in einem kleinen konservativen Städtchen. Schon lange vor unserer Hochzeit hatte ich mich bei meiner Frau geoutet, aber nicht als trans, da mir das Vokabular noch nicht geläufig war. Statt „ich bin eine Frau“ habe ich immer gesagt, dass ich mit meiner männlichen Rolle nicht wirklich zurechtkomme. Zur Hochzeit wusste ich definitiv, dass ich eine Frau bin. Allerdings haben wir noch unter meinem alten Namen und Geschlechtseintrag geheiratet, da die Ehe für alle damals noch nicht möglich war.

In dem Wort ‚Geschlecht‘ steckt das Wort ‚schlecht‘. Die wenigsten Menschen stellen es in Frage und haben daher kaum Verständnis für die Diskussionen über Geschlecht und Geschlechterrollen. Ich habe es schon in meiner Jugend oft hinterfragt. Es ist in erster Linie eine Zuordnung aufgrund der Anatomie, doch wieso teilen wir Menschen so ein? Wieso sieht man nicht nur den Menschen? Es ist ein diffuses Konstrukt der Genitalienleserei, obwohl wir inzwischen wissen, dass es medizinisch und biologisch mehr Nuancen als männlich und weiblich gibt.

Mir wurde gesagt, ich sei ein Mann, doch ich wusste sehr früh, dass das nicht passt. Erst viel später konnte ich kommunizieren, dass Mannsein für mich nur eine Rolle ist, denn ich bin eine Frau, die sehr lange einen Mann gespielt hat. Ich bin kein Mann in Frauenkleidern, sondern eine Frau in einem männlichen Körper.

Erst gab es die Phase, in der ich mir nicht eingestehen konnte, eine Frau zu sein. Danach kam die Phase, in der ich nicht mehr funktionierte und fast zerbrach.

Das Coming Out war nicht freiwillig, sondern eine Verzweiflungsaktion.

Ich wusste nicht mehr weiter und dachte mir, dass ich es meiner Frau sagen kann, denn umbringen kann ich mich danach immer noch. Ihr und einem ganz kleinen Kreis meines Umfelds erzählte ich es. Irgendwann danach kam die Phase, in der ich mich getraut habe, in den sozialen Netzwerken dazu zu stehen und letztlich dann auch in der realen Öffentlichkeit.

Das war der schwerste Schritt. Vor viereinhalb Jahren war meine Namens- und Personenstandsänderung noch nicht mal ansatzweise ins Auge gefasst, aber ich hatte meine Indikation und war schon etliche Male als Frau unterwegs. Wir hatten einen Termin beim Arbeitsamt und ich konnte nicht weiter als Mann auf Jobsuche gehen. Durch die Angst, dass man behaupten würde, ich würde das nur machen um nicht arbeiten zu müssen, musste ich mich übergeben.

Zum Termin hatte ich mir eine schöne Perücke gekauft, meine Frau hat mir ein paar ihrer Kleidungsstücke gegeben und wir haben extra Kleidung gekauft, die ich auch zu einem Vorstellungsgespräch tragen könnte. Vor Ort ging der Sachbearbeiter kurz in die Richtung, mir meine Transsexualität abzusprechen, aber als er die Wut in meinen Augen sah, hat er davon abgelassen.

Ohne meine Frau hätte ich es nicht durchgestanden. Ich bin unendlich dankbar dafür, sie zu haben. Sie unterstützte mich, hielt mir die Hand und sagte, dass ich das schaffe, dass wir das schaffen. Ohne sie wäre ich nicht mehr da. Es gab viele Hindernisse, die ich alleine nicht mal ansatzweise geschafft hätte.

Jede Entscheidung etwas zu verändern dauert bei mir sehr lange. Ich war mir nicht nur wegen meiner Familie unsicher, ob ich diesen Weg gehen soll, sondern weil ich wusste, dass viele Schritte sehr schwer und unumkehrbar werden würden. Vor der angleichenden OP hatte ich lange ein mulmiges Gefühl im Bauch und fragte mich, ob ich es wirklich will, ob es das ist, was ich brauche.

Im Krankenhaus wollte ich am liebsten umdrehen. Meine Frau meinte zu mir, ich solle es mir wenigstens anschauen und sollte nur umdrehen, wenn ich nie wieder darüber nachdenken würde. Ich solle mich mit den Ärzten unterhalten und wenn ich feststelle, dass ich das erst später machen möchte, wäre das auch okay. Ich muss wissen, was ich tue. Das war bei uns Basis für jede Entscheidung.

Meinen neuen Namen habe ich zusammen mit meiner Frau ausgesucht. Mir war wichtig, dass er den gleichen Anfangsbuchstaben hat, damit ich nicht all meine Bilder neu signieren musste. Er sollte nicht zu kompliziert sein. Schnell war dann klar, dass Nina uns beiden gefällt und ich konnte mich sofort damit identifizieren. Inzwischen höre ich auf den alten Namen nicht mehr.

An guten Tagen denke ich nicht viel über meinen Körper nach, an schlechten hasse ich ihn wie die Pest. Wenn ich ins Schwimmbad gehe, muss ich meine Beine, Brust, Schultern, Rücken, Arsch, Bauch, Arme und mein Gesicht rasieren. Damit bin ich anderthalb Stunden beschäftigt und habe dann meist keine Lust mehr loszugehen. Könnte ich mir einen Körper aussuchen, wäre er ungefähr zwölf Kilo schlanker und weniger behaart.

Jedoch mag ich an mir meine Augen, meine Hände, meine Muschi und auch meinen Arsch. Ich mag meine Cellulite, auch wenn ich nicht so extreme Dellen, sondern nur eine leichte Form habe, aber für mich ist es etwas, das Frauen in meinem Alter haben. Es gehört zum Leben dazu, ich bin keine 20 Jahre alt mehr, auch wenn ich mit 46 Teenager-brüste habe, die fest halten, nicht wackeln oder rutschen.

Ich brauche keine weibliche Kleidung, um eine Frau zu sein.

Mein Transsein mache ich an meinem Wesen fest und habe mir den ersten BH erst gekauft, als ich einen Busen hatte. Auch ohne Make-up fühle ich mich als Frau. Ebenso wie ich mich nackt als Frau fühle, auch als ich noch meinen Penis hatte.

Äußerlichkeiten sind nur eine Ebene des Ganzen und oftmals hat es damit zu tun, dass man möchte, dass die Außenwirkung mit den inneren Empfindungen übereinstimmt. Es ist eine Schutzschicht, aber kein Konstrukt, das von Make-up abhängig ist. Es ist ein Zustand, tief verankert in der Seele.

Für mich bedeutet Frausein frei zu sein. In meiner Jugend durfte ich mir meine Schuhe und Kleidung nie selber aussuchen. Schon bei meinen langen Haaren gab es Diskussionen und als ich diese in einem leichten Rotton färbte, wurde ein riesen Wirbel gemacht. Wenn ich im Kindergarten im Sandkasten mit Tassen gespielt hatte und so tat als würde ich Tee trinken, wurde ich blöd angeredet. Mädchen die mit Jungs herumgeblödelt haben nicht.

Wenn ich mit Puppen gespielt hatte, gab es Ärger. Wenn Mädchen mit Bagger spielten, nicht. Ab dem Moment, in dem ich kein Junge oder Mann mehr sein musste, war ich frei. Mädchen muss man stärken, Jungs werden eingeschränkt. Sie müssen stark und weniger emotional sein, wer nicht dazu passt, hat es schwer im Leben. Im Kindergarten mag es vielleicht heutzutage funktionieren, wenn Kinder in selbst gewählten Klamotten auftauchen, das hilft aber wenig, wenn Jungen in der zweiten Klasse wegen pinkfarbenen Oberteilen dann doch ausgelacht und ausgegrenzt werden.

Ich bin ein Zwischenwesen, mein Körper ist vom Testosteron männlich geprägt und in mir ist eine weibliche und männliche Seite. Seitdem ich mich mit dem Thema ‚non-binary‘ mehr auseinandergesetzt habe, komme ich damit besser klar. Ich verwende den Begriff ‚trans‘. Den Begriff ‚transident‘ lehne ich ab, da sich meine Genitalien durch die OP und mein Gender durch die Namens- und Personenstandsänderung verändert haben, aber meine Identität gleichgeblieben ist. Sie ist stärker als jemals zuvor.

Nach der Hormonbehandlung war ich schlagartig impotent im männlichen Sinne und konnte meiner Sexualität nicht mehr vertrauen. Körperlich Mann, Kopf und Emotionen Frau und sexuell ausgeknipst. Ich musste neue Wege finden, was mir mithilfe von Sex Toys gelang. Durch einen Auflagevibrator hatte ich dann das erste Mal nach anderthalb Jahren einen Orgasmus. In unserer Beziehung kamen wir an den Punkt, dass wir diese etwas verändern mussten, wodurch wir aber das Vertrauen neu zueinander gewinnen konnten.

Nach der angleichenden OP musste ich meine Sexualität zum vierten Mal neu kennenlernen. Es hat sehr lange gedauert, bis die Nerven verheilt waren und ich wieder etwas spüren konnte. Inzwischen ist es aber viel intensiver, als ich es je erwartet hätte.

Bei meinem Coming Out wurde mir oft gesagt, dass ich das wegen der Kinder nicht machen könne. Viele verbinden Transsein mit etwas rein Sexuellem. Darum geht es nicht, aber auch wir haben eine sexuelle Identität, die uns dann wiederum abgesprochen wird. Ich bin eine dominante Lesbe, auch wenn viele denken, ich sei schwul. Doch wie kann eine Frau schwul sein? Nicht nur mir wird meine Sexualität abgesprochen, sondern auch meiner Frau und mir als Paar. Frau und Frau könnten keine normale Sexualität haben, heißt es dann.

Zu oft habe ich Diskriminierung erfahren. Bei der Arbeit grüßte mein Chef mich nicht mehr, mir wurde vorgeschrieben, was ich tragen darf und was nicht, mir wurde gesagt, ich solle einen Staplerschein machen und mich im Lager bewerben, während meiner Frau im gleichen Gespräch gesagt wurde, dass eine Frau im Lager nichts zu suchen hat, die Namensänderung wurde trotz des Rechtsbescheids nicht anerkannt, mir wurde der Zugang zur Damensauna verweigert, es gab ‚Vergewaltigungsangebote‘ und Menschen, die übergriffig wurden.

Es herrscht ein sehr klischeehaftes und tuntiges Bild von trans Frauen. Dabei stelle ich immer mehr fest, dass die trans Frauen, die wirklich fest im Leben stehen, dem nicht entsprechen. Sie haben sich gefunden und rennen nicht der verlorenen Jugend hinterher. Auch wenn es natürlich viele gibt, die irgendwelchen übertriebenen Rollenbildern entsprechen und einen dann versuchen zu belehren.

Eine mit Blümchenkleid und einem BH, sichtbar mit drei Packungen Kosmetiktüchern auf Körbchengröße D ausgestopft, hat mir erzählen wollen, wie ich meine Augenbrauen fertig machen muss. Als ich in der Szene fragte, wie ich meinen Bart überschminken kann, bekam ich anstatt wertvoller Tipps nur Zuspruch, dass ich doch gut ausschaue. Eine trans Frau postete ein Bild von sich, das fürchterlich aussah. Ihr Kleid war unvorteilhaft, die Perücke sah entflammbar aus und alle erzählten ihr, wie toll sie aussehe. Niemand hatte die Eier ihr zu sagen, dass das nicht ihr Typ ist.

Da habe ich mich gefragt, welche Fragen ich denn gestellt und welche Antworten ich darauf erhalten hatte und es wurde auf einmal sehr bedeutungslos für mich. Inzwischen meide ich die meisten trans Communitys und habe alle Gruppen verlassen. Nicht im Streit, aber wenn man Strukturen hinterfragt, steht man schnell alleine da.

Mir fehlten immer die Vorbilder von trans Menschen mit Familie.

Viele wollen unsichtbar werden und nicht auffallen. Ich habe mich dazu entschieden, zu zeigen wer ich bin – die große laute Nina, die auch im Fernsehen auftritt. Es trägt zu meiner Freiheit bei und ich habe gemerkt, dass viele Menschen gar nicht so feindlich sind, wie ich immer dachte.

Dafür gelte ich bei vielen Betroffenen als transfeindlich. Nach den Wertigkeiten, die viele anlegen, bin ich es definitiv. Die Frage ist nur, ob das der Wertmaßstab ist, nach dem wir leben wollen. Mein Sohn hatte beim Schülerparlament als Thema die Ausländerfreundlichkeit. Seitdem beurteile ich die Transfreundlichkeit und nicht mehr die Transfeindlichkeit. Es gibt Menschen, die sind transfreundlich und welche, die nicht sonderlich transfreundlich sind und einige, die wirklich transfeindlich sind. Doch in der Wahrnehmung sind diese eine viel kleinere Gruppe. Wenn wir an der Sprache arbeiten, an unserem Miteinander, dann kann sich auch etwas verändern. Gleichzeitig müssen wir sichtbarer und dadurch alltäglicher werden. Fertig bin ich erst, wenn Menschen mich nicht als Nina, die trans ist, vorstellen, sondern ganz normal: das ist Nina!


 

Behördenschreiben

„Mutter“ – Nina Jaros